Mit einem Kind verändert sich vieles.
Vor allem aber wird sichtbar, was vorher schon ungleich verteilt war:
Zeit, Verantwortung, mentale Arbeit.
Gerechtigkeit wird dabei oft an Zahlen festgemacht: Einkommen, Arbeitsstunden, formale Zuständigkeiten. Doch diese Rechnung geht selten auf. Care-Arbeit folgt nicht dem Gehalt, sondern tief verankerten Rollenbildern. Und genau hier beginnt das Ungleichgewicht, das in vielen Beziehungen mit der Mutterschaft erstmals offenlegt wird.
Was heißt eigentlich „gerecht“?
Gerechtigkeit klingt eindeutig, ist es aber selten. In Beziehungen schon gar nicht.
Sie lässt sich nicht aufrechnen wie ein Stundenkonto und nicht dauerhaft festschreiben. Was in einer Lebensphase fair erscheint, kann sich in einer anderen verschieben.
Oft wird versucht, Gerechtigkeit über Gleichheit herzustellen: gleiche Arbeitszeit, gleiches Einkommen, klar verteilte Zuständigkeiten. Und ja, in vielen progressiven Kontexten gilt das längst als richtig.
Dabei ist Ungleichheit nicht per se ungerecht. Es gibt Konstellationen, in denen eine ungleiche Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit sich für alle Beteiligten stimmig anfühlt. In denen sie gewollt ist, abgesichert und als gemeinsame Entscheidung getragen wird.
Entscheidend ist nicht die Form, sondern die Freiheit dahinter. Die Frage, ob Rollen wirklich gewählt werden können und ob sie veränderbar bleiben, wenn sich Bedürfnisse, Belastungen oder Lebensphasen verschieben.
Was dabei deutlich schwieriger bleibt, ist etwas anderes: die Verantwortung für all das, was sich nicht planen, delegieren oder abhaken lässt. Für das Mitdenken, Erinnern, Vorbereiten. Für das ständige Dabeihaben von allem, was sonst liegen bleibt.
Gerade hier zeigt sich, wie hartnäckig Ungleichheit ist. Denn selbst wenn Aufgaben formell geteilt werden, bleibt die mentale Arbeit oft bei einer Person hängen. Nicht aus bösem Willen, sondern weil diese Form von Verantwortung tief eingeübt ist und sich nicht einfach mit einer neuen Aufteilung auflöst.

Der Moment, in dem es kippt
Mutterschaft verschiebt Verantwortung. Nicht punktuell, sondern dauerhaft. Aufgaben kommen hinzu und verdichten sich zugleich. Was vorher organisiert werden konnte, wird plötzlich permanent. Was vorher verhandelbar war, wird selbstverständlich.
Care-Arbeit besteht dabei nicht nur aus Tätigkeiten, sondern aus Aufmerksamkeit. Aus dem Wissen darum, was ansteht. Aus dem Gefühl, verantwortlich zu sein, auch dann, wenn niemand danach fragt. Diese Form von Arbeit beginnt nicht klar und endet nicht klar. Sie lässt sich nicht delegieren wie eine Aufgabe und nicht messen wie eine Arbeitsstunde.
Gerade mit der Mutterschaft wird diese unsichtbare Verantwortung alltäglich. Und so zeigt sich in dieser Phase besonders deutlich, wie ungleich Verantwortung verteilt ist, selbst dort, wo Gleichheit gewollt und vereinbart ist.
Warum wir das nicht alleine lösen können
Die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und mentaler Verantwortung ist kein Zeichen dafür, dass einzelne Beziehungen versagen. Sie ist Ausdruck von Strukturen, die wir alle verinnerlicht haben, oft ohne es zu merken.
Viele Paare unserer Generation sind mit dem Anspruch auf Gleichberechtigung aufgewachsen. Mit der Idee, dass Rollen verhandelbar sind, dass Arbeit und Verantwortung fair geteilt werden können. Was dabei häufig fehlt, sind Vorbilder. Für Beziehungen, in denen Care-Arbeit nicht nur unterstützt, sondern gleichwertig getragen wird.
Hinzu kommt ein System, das diese Aushandlungen erschwert. Arbeitsmodelle, die Flexibilität versprechen, sie aber selten wirklich ermöglichen. Eine Wirtschaft, die Verfügbarkeit belohnt. Und eine Gesellschaft, die Verantwortung für Care-Arbeit noch immer als private Angelegenheit behandelt und damit unsichtbar macht.
So entsteht ein Spannungsfeld, in dem viele versuchen, individuell Lösungen zu finden für ein Problem, das strukturell ist. Und genau dabei stoßen sie an Grenzen.
Dass diese Grenzen immer wieder erreicht werden, ist kein Zufall. Gleichberechtigung erweist sich oft als fragil, sie funktioniert, solange nichts sie herausfordert. Sobald Zeit knapp wird, Geld unsicher oder Verantwortung steigt, greifen bekannte Muster. Nicht aus fehlendem Willen, sondern weil sie verfügbar sind.
Solange Care-Arbeit strukturell nicht abgesichert ist, bleibt sie ungleich verteilt. Und solange Verantwortung im Privaten verhandelt werden muss, trägt sie am Ende selten die Person mit mehr Macht.

Dazwischen
Viele von uns bewegen sich gerade in einem Dazwischen.
Zwischen dem Wissen, dass die alten Modelle nicht tragen und dem Fehlen neuer, stabiler Strukturen. Wir verhandeln Verantwortung, während wir sie bereits tragen. Wir versuchen, es gerechter zu machen, ohne auf belastbare Vorbilder zurückgreifen zu können.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit Lösungen, sondern mit dem Aushalten offener Fragen. Mit dem Eingeständnis, dass vieles nicht mehr trägt, ohne dass schon klar ist, was an seine Stelle treten kann.
Es sind viele Fragen, die bleiben. Über Arbeit, Verantwortung, Abhängigkeit, Gerechtigkeit. Eine davon ist grundlegend – weil sie nicht nur uns betrifft, sondern die nächste Generation:
Wie bringen wir unseren Kindern etwas anderes bei, wenn wir selbst noch mitten in diesem Prozess stecken?
Text & Fotos: Caecilia Pohl